Mohammed konnte nicht schwimmen – nach einem Jahr wagte er den Sprung in den Zürichsee

Im Sommer verlagert sich das soziale Leben in Zürich an die Limmat und an den See. Für viele Geflüchtete birgt das Wasser Risiken. Über den Verein Solinetz finden sie Freiwillige als Schwimmpartner.

Fotos: Jonathan Labusch

«And off you go», los gehts, sagt Fatima: Lamia taucht ab und stösst sich mit den Beinen kräftig am Beckenrand ab. Während der ersten zwei Schwimmzüge bleibt ihr Kopf unter Wasser, dann schnappt sie nach Luft, die schwarzen Haare kleben im Gesicht. Fatima geht im brusthohen Wasser neben ihr her. Mit jedem Armzug spritzt Lamia Wasser auf, bis sie schliesslich erschöpft absteht. Sie hat mehr als drei Viertel des 16 Meter langen Beckens geschafft – das ist ein persönlicher Rekord. Fatima klatscht begeistert, und auf einmal umarmen sich die beiden Frauen im Wasser.

Fatima bringt Lamia das Schwimmen bei. Jeden Donnerstagabend treffen sie sich in der Schulschwimmanlage Aemtler im Kreis 3. Es ist einer der Abende, an dem das Bad nur für Frauen geöffnet ist. Lamia fühlt sich so wohler, sie badet nur im Ganzkörperschwimmanzug. Auch die anderen Frauen, die an diesem Abend neben Fatima und Lamia ihre Bahnen ziehen und miteinander plaudern, tragen im Wasser T-Shirts und lange Leggins.

Lamia stammt aus Belutschistan, einer Region im Süden von Pakistan. In Zürich ist die 34-Jährige Hausfrau, daneben lernt sie Deutsch – und eben schwimmen. Lamias Schwimmlehrerin Fatima ist rund 40 Jahre älter und pensionierte Alterswissenschaftlerin – vernetzt hat die beiden Frauen der Verein Solinetz.

Als Lamia in die Schweiz kam, war für sie klar, dass sie schwimmen lernen will: «Ich habe schon vorher auf Youtube Videos geschaut von Leuten, die im Fluss oder im See schwimmen.»

Zürich ist eine Stadt am Wasser, die Limmat und der Zürichsee sind wichtige soziale Treffpunkte. Wer nicht oder schlecht schwimmen kann, begibt sich in Gefahr: Jeden Sommer kommt es zu tödlichen Badeunfällen. Es sind häufig junge Migranten, die ertrinken.

100 Geflüchtete auf der Warteliste

Viele Geflüchtete können nicht schwimmen oder haben Angst vor dem Wasser, erklärt Hanna Gerig: «Wir möchten ihnen helfen, diese Angst loszuwerden.» Gerig ist Co-Geschäftsleiterin von Solinetz. Der Verein engagiert sich für geflüchtete Menschen in Zürich und bietet seit einigen Jahren kostenlose Schwimmkurse an. Die sind jeweils schnell ausgebucht.

2023 kamen die sogenannten Schwimmtandems hinzu: So eines führen auch Fatima und Lamia gemeinsam. Die Nachfrage nach Schwimmtandems ist so gross, dass Solinetz nicht für alle Freiwillige vermitteln kann. Knapp 100 Frauen und Männer warten zurzeit auf eine Partnerin oder einen Partner fürs Tandem. «Wir würden uns sehr freuen, wenn sich noch mehr Leute melden für die Schwimmtandems», sagt Hanna Gerig.

Flexible Tandems statt ausgebuchte Schwimmkurse

Auch der aus Eritrea stammende IT-Logistiker Mohammed, der seit 2006 in Zürich lebt, hat sich schon lange vorgenommen, schwimmen zu lernen: «Einmal habe ich sogar einen Kraulkurs angefangen, aber dann hiess es in der ersten Stunde, dass ich dafür schon schwimmen können müsse», erzählt er. Er musste abbrechen. Kurze Zeit später meldete seine Frau ihn bei Solinetz für ein Schwimmtandem an, und seit Oktober 2023 schwimmt Mohammed mit Philipp, einem Architekten, der in Zürich lebt. Sie sind beide 46.

Für Mohammed und Philipp ist es praktisch, dass es beim Schwimmtandem keine fixen Kurszeiten gibt. Sie treffen sich morgens vor oder abends nach ihrer Arbeit im Hallenbad. Angefangen haben die beiden im Kinderbecken, mittlerweile schwimmen sie hintereinander Längen. Die anderen Schwimmer und Schwimmerinnen, die zur gleichen Zeit im Becken wie Philipp und Mohammed sind, kennen die beiden – und feuern Mohammed sogar manchmal an.

Die Kinder lernen in der Schule schwimmen

Mohammed wollte vor allem schwimmen lernen, weil seine Kinder es in der Schule lernen – und er mit ihnen in die Badi wollte. «Am Anfang war mir das gar nicht klar», sagt Philipp.

An einem Besuchstag habe Mohammed gemerkt, dass sein achtjähriger Sohn Angst hat vor dem Wasser. Letzten Sommer ging Mohammed deshalb immer wieder mit ihm in die Letzibadi in Albisrieden. Er war zwar selber noch kein guter Schwimmer, fühlte sich aber schon sicher im Schwimmbecken. Neben seinem Vater fasste auch Mohammeds Sohn wieder Mut. Nach den Sommerferien zeigte er im Schulschwimmen, wie viele Fortschritte er gemacht hatte. «Er sagte zu den anderen Kindern: Ich habe es mit Papi gelernt», erzählt Mohammed sichtlich stolz.

Dass ihre Kinder in der Schule schwimmen lernen, sei ein weiterer wichtiger Faktor, weshalb viele Geflüchtete schwimmen lernen wollen, erklärt Hanna Gerig von Solinetz: «Wenn die Kinder im Sommer in die Badi wollen und die Eltern sich nicht trauen, ist das schwierig.»

Philipp hat seit kurzem die Koordination der Schwimmtandems übernommen: «Eigentlich müsste ich selber ein neues Tandem starten und einer weiteren Person das Schwimmen beibringen», sagt er. Mohammed könne mittlerweile genügend gut schwimmen, um alleine weiterzumachen. Aber zwischen den beiden ist in den letzten eineinhalb Jahren eine Freundschaft entstanden: «Jetzt können wir fast nicht mehr aufhören», so Philipp.

Alle vier Teilnehmenden der beiden Schwimmtandems sind sich einig: Es gehe um mehr als nur ums Schwimmen. Sie tauschen sich vor und nach dem Schwimmen aus und haben sich je schon gegenseitig zum Essen eingeladen. «Neben dem Schwimmen bringt Fatima mir bei, wie ich mich hier einleben kann», sagt Lamia auf Englisch.

Mohammed und Philipp waren letzten Sommer zusammen Velo fahren und im Winter Schlittschuh laufen. Philipp kennt mittlerweile auch Mohammeds Familie; letzten Sommer waren sie manchmal alle zusammen im Letzibad. «Ich bin Philipp von Herzen dankbar, hat er mir das Schwimmen beigebracht», sagt Mohammed während des Gesprächs immer wieder. Philipp winkt ab. Er habe das gerne gemacht: «Mir gibt Schwimmen sehr viel. Ich wollte das weitergeben.»

Erfahrung als Schwimmlehrer braucht es nicht

Eine Ausbildung zum Schwimmlehrer hat Philipp nicht. Er habe von Solinetz anfangs einige Merkblätter erhalten mit Tipps. «Am Schluss habe ich von der Vorbereitung aber gar nichts gebraucht, das lief alles ganz intuitiv», sagt Philipp heute.

Auch Fatima unterrichtet erstmals eine erwachsene Person beim Schwimmen: «Bisher habe ich nur meinen Kindern das Schwimmen beigebracht.» Weil Lamia vorher kaum Sport getrieben hat, möchte Fatima ihr auch ein stärkeres Körpergefühl vermitteln. Beim Training im Schulschwimmbad Aemtler ermutigte Fatima Lamia mehrmals, die Kraft in ihren Armen, den Beinen und im Bauch zu spüren, wenn sie das Wasser bewegt.

«Manchmal denke ich: Das schaffe ich nie!», sagt Lamia. Aber dann sieht sie, wie Fatima sich im Wasser bewegt, und gibt doch nicht auf: «Das will ich auch.» Schwimmen sei halt «verflixt schwierig», sagt die Bademeisterin, als Fatima und Lamia vor der Garderobe ihre Schuhe wieder anziehen. Sie empfiehlt Fatima, mit Lamia nochmals Trockenübungen zu machen neben dem Becken, um die Technik zu verbessern.

«Gute Idee», sagt Fatima. Sie ist zuversichtlich, dass Lamia bis im Sommer im See schwimmen könne: «Lamia ist sehr mutig.»

Vom Becken ins offene Wasser

Mohammed ist letzten Sommer schon ein erstes Mal im See geschwommen: Philipp und er sind zum Saisonabschluss gemeinsam ins Seebad Mythenquai gefahren. Dort wollte Mohammed unbedingt aufs Floss schwimmen – es gelang ihm. «Das war ein schöner Moment», sagt Philipp: «Mohammed hat es in einem Jahr vom Nichtschwimmer in den See geschafft.»

Sobald Mohammed genügend gut schwimmen kann, möchte er es auch jemandem im Tandem beibringen. Er fragt Philipp erwartungsvoll: «Was denkst du, wann bin ich dafür bereit?» – «Sobald du dich bereit fühlst.»