Im Quartier neben der Bäckeranlage machen sich zunehmend Süchtige breit. Die Intervention der Stadt bleibt wirkungslos. Schulen, Cafés und zwei Kita-Mitarbeitende wehren sich.
In Zusammenarbeit mit David Sarasin, Fotos: Silas Zindel und Jonathan Labusch

Es ist ein Knistern zu hören, dann ein leises Knacken, schliesslich zieht der junge Mann an seiner Crackpfeife. Er sitzt in einem Hauseingang an der Ecke Hohl-/Kernstrasse im Kreis 4 in Zürich. Wenige Meter weiter findet ein Deal statt: Eine Frau eilt zu einem Mann auf dem Trottoir gegenüber, nimmt ein kleines Päckchen entgegen und verschwindet in einem Hof an der Kernstrasse.
Der Besitzer des Elektrofachgeschäfts Pusterla eingangs Kernstrasse beobachtet das Treiben vom Eingang seines Ladens aus. Er sieht auch, wie eine junge Frau ihr Velo an den Strassenrand wuchtet, einem Mann auf der anderen Strassenseite ein Feuerzeug nachwirft und fluchend davoneilt. «So was erleben wir mittlerweile täglich», sagt er und schüttelt den Kopf. Die Situation direkt vor seinem Laden habe sich auf eine Weise zugespitzt, die nicht mehr tragbar sei: «Es reicht, irgendwas muss sich ändern!»
Hier, im Quartier neben der Bäckeranlage, ist ein Brennpunkt für Crack-Konsumierende entstanden. Rund zwei Dutzend Suchtkranke würden sich regelmässig im Viereck zwischen Hohl-, Herbart-, Kern- und Brauerstrasse aufhalten, sagen Anwohnende. Fast wöchentlich kämen neue Gesichter dazu. So erzählen es mehrere Personen unabhängig voneinander, die im Quartier arbeiten – der Besitzer des Pusterla, Angestellte des Aargauerhofs und des Cafés Miró, die Besitzerin des Coiffeurladens Hairgarage, die Betreiber der Kita Playground und eine Lehrperson. Mit allen hat diese Redaktion gesprochen.

Im Sommer vor zwei Jahren stand noch die Bäckeranlage im Fokus der Öffentlichkeit: Nach der vorübergehenden Schliessung der städtischen Kontakt- und Anlaufstelle (K&A) im Kreis 4 entstand in der Bäckeranlage eine kleine offene Drogenszene, die von Crack-Abhängigen geprägt war. Schon damals verlagerte sich die Szene auch ins Quartier. Dank der Wiedereröffnung einer K&A auf dem Kasernenareal einige Monate später entspannte sich die Lage erneut.
Süchtige weichen von der Bäckeranlage aus
Nur: Im Quartier rund um die Bäckeranlage habe sich die Lage nie vollständig beruhigt, sagen die Anwohnenden. Und seit diesem Frühling habe sich die Drogenproblematik nochmals verschärft: Die Bäckeranlage dient mittlerweile offenbar vor allem als Umschlagplatz, der Konsum verlagert sich in die Quartierstrassen.
Nadeen Schuster, Leiterin Kommunikation bei den Sozialen Einrichtungen und Betrieben (SEB) der Stadt, bestätigt, dass ein Teil der Suchtkranken aufgrund des «erhöhten Kontrolldrucks» in der Bäckeranlage in die angrenzenden Seitenstrassen ausgewichen sei.
Kita verliert wegen Drogenszene Mitarbeitende und Eltern
Die Situation belastet auch die Betreiber der Kita Playground: Sie betreuen in mehreren Gebäuden im Strassenviereck insgesamt 140 Kinder. Co-Leiter Andreas Graf erzählt von Süchtigen, die seine Angestellten bedrohen, von vermüllten Strassen und von Gruppen von Konsumierenden, die sich jeden Morgen in Hauseingängen und Innenhöfen aufhalten. «Ein solches Ausmass an Drogenelend haben wir noch nicht erlebt», sagt Graf.
Das zieht auch das Geschäft in Mitleidenschaft: Laut Graf lehnten Bewerbende bereits Stellen ab, nachdem sie die Zustände in der Gegend gesehen hatten. Und Eltern nähmen ihre Kinder aus der Betreuung, weil sie ihnen den Weg zur Kita nicht mehr zumuten wollten.

Es war nie ein ruhiges Quartier, das ist Aneesha Rayani bewusst: Sie hat die Kita Playground vor 16 Jahren gegründet. «Bisher pflegten wir eine liberale Haltung gegenüber Suchtkranken». Das heisst: Rayani ist den Süchtigen offen und freundlich begegnet und hat den Kindern erklärt, dass diese Leute krank seien.
Doch seit Mitarbeitende bedroht würden und Absagen von Eltern kämen, habe bei ihr ein Umdenken stattgefunden. Die Situation im Quartier sei gefährlicher geworden, oft komme es zwischen Crack-Süchtigen zu Streitereien und Gewaltausbrüchen. Kontakt aufzubauen, sei unmöglich geworden, sagt Rayani.
Private Security-Firma bewacht Schule Brauer in Zürich
Dass es immer schwieriger werde, die Süchtigen wegzuschicken, berichtet auch eine Lehrerin des Schulhauses an der Brauerstrasse. Sie möchte anonym bleiben, weil die Schulleitung der Lehrerschaft verboten habe, Auskunft zu geben. Doch auch sie beurteilt die Zustände im Moment als unzumutbar: «Der Umgang mit den Süchtigen ist nicht ungefährlich und gehört auch nicht zu unserem Job.»
Die Schule hat seit diesem Jahr eine private Security-Firma beauftragt, um während des Unterrichts vor dem Schulhaus zu patrouillieren. Dies habe die Lage nicht wesentlich verbessert, sagt die Lehrerin. Ebenso wenig genützt habe, dass die Stadt die Parkplätze vor dem Schulhaus aufgehoben habe: Es sollte die Süchtigen daran hindern, zwischen parkierten Autos zu konsumieren. Stattdessen stehen die Autos nun wild am selben Ort.
Crack macht die Süchtigen aggressiv
Das Verhalten der Süchtigen ist wohl auf die stärkere Verbreitung von Crack zurückzuführen. Das wiederum erklären Fachpersonen mit der weltweiten Kokainschwemme: Um Crack herzustellen, wird Kokain mit Backpulver aufgekocht.
Auch die Zürcher Kontakt- und Anlaufstelle (K&A) verzeichnete ab 2020 einen Anstieg beim Crack-Konsum in ihren Räumlichkeiten. Die Stadt hat darauf reagiert, indem sie die Infrastruktur für den Crack-Konsum angepasst und die Sozialarbeitenden entsprechend geschult hat. Seit 2022 werden in den K&A jährlich rund 250’000 Crack-Konsumationen registriert. Wie viele zusätzliche Konsumationen im öffentlichen Raum stattfinden, lässt sich nicht genau beziffern.
Im Quartier um die Bäckeranlage bleibt den Lehrerinnen, Kellnerinnen und Kinderbetreuern im Umgang mit den Crack-Abhängigen nichts anderes übrig, als die Polizei anzurufen. Das tun sie alle mehrmals wöchentlich – wenn nicht mehrmals täglich, sagen sie. Die Stadtpolizei sei vermehrt im Quartier um die Bäckeranlage im Einsatz, schreibt auch Kommunikationsleiterin Nadeen Schuster von den SEB: «Drogenkonsum und -handel in und auch um die Bäckeranlage werden nicht geduldet.»
Doch in den Augen der Anwohnenden bleiben die Polizeieinsätze wirkungslos: «Die Stadtpolizei markiert Präsenz, statt die Suchtkranken zu kontrollieren und wegzuweisen», sagt Andreas Graf von der Kita Playground. Er überlegt und differenziert: «Das würde wohl auch nichts bringen.» Die Leute würden einfach an anderen Orten in der Stadt auftauchen.

Graf fühlt sich von der Stadt zu wenig informiert: «Wir haben keine Ahnung, wie die Stadt die Situation einschätzt, was sie vorhat, ob sich überhaupt etwas tut», sagt Graf. Seiner Einschätzung nach fehlt den zuständigen Behörden ein akkurates Bild der Situation, wie sie sich rund um die Kita entwickelt hat.
Konfrontiert mit diesen Vorwürfen, schreibt Nadeen Schuster von den SEB: «Die Situation wird regelmässig von den verschiedenen Teams des Sicherheits- und Sozialdepartements eingeschätzt, damit rasch und mit geeigneten sowie auch organisationsübergreifenden Massnahmen darauf reagiert werden kann.» Die Stadt organisiere zudem sogenannte Walk-ins, wo die Quartierbevölkerung «im geschützten Rahmen» Fragen zur Situation um die Bäckeranlage stellen könne.
Anwohner im Kreis 4 erwarten mehr von der Stadt
Das genügt den Anwohnerinnen und Anwohnern offenbar nicht mehr. Zusammen mit dem Elternrat der Schulhäuser Kern und Brauer sowie anderen Gewerbetreibenden berät sich die Kita-Leitung deshalb nun über das weitere Vorgehen.
Mit einem Flyer will die Gruppe weitere Nachbarn dazu bewegen, sich regelmässig per Mail bei der Kreiswache zu beschweren – mit Sozialvorsteher Raphael Golta (SP) im CC. Grafs Hoffnung: dass die Stadt dadurch die Dringlichkeit des Anliegens verstehe.
Die Anwohnergruppe fordert von der Stadt mehr Repression und die Öffnung der K&A für Süchtige aus anderen Gemeinden. Die K&A betreut nämlich nur Süchtige mit Wohnsitz in der Stadt Zürich, auswärtige Personen haben keinen Zugang. Dadurch entstehe überhaupt erst eine Strassenszene, glaubt Graf von der Kita Playground.
Nur Süchtige aus Zürich haben Zugang zu K&A
Dass die K&A geöffnet werden sollen, findet auch Philip Bruggmann, Co-Chefarzt beim Zürcher Zentrum für Suchtmedizin Arud: Aus medizinischer Sicht sei es problematisch, dass Auswärtige und Personen ohne geregelten Aufenthaltsstatus vom Angebot ausgeschlossen würden. Denn: «In der K&A kann man mit den Leuten ins Gespräch kommen, ihnen Hilfe anbieten und über einen therapeutischen Ansatz sprechen.»
Suchtkranke «mit langjährigem Lebensmittelpunkt in der Zürcher Szene» könnten bereits heute mittels Härtefallbewilligungen Zugang zu den städtischen K&A erhalten, schreibt Nadeen Schuster dazu. Eine generelle Öffnung der K&A für auswärtige Konsumierende erachte die Stadt jedoch nicht als sinnvoll: «Es ist wichtig, dass drogenabhängigen Nicht-Zürcherinnen und -Zürchern in ihren Wohngegenden entsprechende Einrichtungen zur Verfügung stehen und keine Sogwirkung nach Zürich entsteht.»

Dass die Stadt nach der Schliessung der K&A im Jahr 2023 rasch eine provisorische Einrichtung eröffnet hat, erachtet Bruggmann von der Arud als richtigen ersten Schritt. Langfristig brauche es jedoch weiterführende Massnahmen, um die Crack-Szene zu beruhigen, etwa die regulierte Abgabe oder Verschreibung von Kokain. Dies sei allerdings komplexer als die Methadonbehandlung bei Heroinabhängigkeit und verlange zunächst wissenschaftlich begleitete Pilotprojekte sowie klare rechtliche Grundlagen.