«Ich hoffe, dass ich einen Einfluss hatte auf die jungen Albanerinnen in der Diaspora»

Die Sängerin Adelina Ismaili aus dem Kosovo prägt seit fast 30 Jahren die albanische Musikszene, ihre Musik ist feministisch und provokativ. Ein Gespräch vor ihrem Bühnen­comeback in Zürich.

Fotos: Odisée Productions, Urs Jaudas

Kurz vor dem Kosovokrieg hat Adelina Ismailis Karriere begonnen: 1996 veröffentlichte Adelina Ismaili das erste von fünf Alben, 1997 wurde sie zur Miss Kosovo gekürt. Heute gilt Ismaili als eine der einflussreichsten kosovarischen Pop-Künstlerinnen. In ihrer Musik setzt sie sich für die Selbstbestimmung der Frauen und die Rechte der Kosovarinnen und Kosovaren ein.

Ismaili, die zwischen der Schweiz und Kosovo pendelt, tritt diesen Samstag am Alba Festival in Zürich auf. Es ist das erste Konzert der 45-Jährigen seit fast 10 Jahren.

Adelina Ismaili, von der Bühne waren Sie verschwunden. Und wer Ihnen auf Instagram folgt, wird nicht ganz schlau, ob Sie in Kosovo oder in der Schweiz leben. Was passiert in Ihrem Privatleben gerade?

Nach der Geburt meines Sohnes vor acht Jahren habe ich eine lange Pause eingelegt. Ich wurde eine langweilige Hausfrau und Mutter. Von 2009 bis 2017 habe ich in der Schweiz gelebt. Mein Mann ist Schweizer. Er hat auch albanische Wurzeln, ist aber in der Nähe von Lausanne aufgewachsen. Ich habe ihn kennen gelernt, als ich dort ein Konzert gegeben habe. Vor kurzem sind wir aber wieder zurück nach Kosovo gezogen.

Sie wollten Ihren Sohn nicht in der Schweiz einschulen?

Ich ging zurück nach Kosovo, weil meine Mutter gestorben ist und ich in der Nähe von meinen beiden Schwestern sein wollte. Deshalb geht mein Sohn – mein kleiner Schweizer Junge – jetzt in Kosovo zur Schule. Aber wir fliegen, wann immer möglich, in die Schweiz und verbringen Zeit in unserem Haus in der Nähe des Genfersees. Ich lebe zwischen der Schweiz und Kosovo. Ich mache immer Witze darüber, dass ich mehr im Flugzeug lebe statt in einem der beiden Länder.

Was bedeutet Ihnen der Auftritt am Alba Festival?

Das Alba Festival ist eines der grössten albanischen Festivals weltweit, und es kommen viele junge Leute. Ich bin gespannt darauf, wie sie auf mich reagieren.

Warum?

Sie haben wahrscheinlich alle schon von Adelina gehört und kennen einige meiner Songs, aber sie haben mich bestimmt noch kaum live gesehen.

Vor Ihrer Pause sind Sie oft in der Schweiz aufgetreten. Mögen Sie das Schweizer Publikum?

Auf jeden Fall! Die albanische Diaspora in der Schweiz ist gross. Und sie ist im Übrigen auch eine Art Motor für albanische Musik.

Wie meinen Sie das?

Wenn man als albanische Musikerin in der Schweiz erfolgreich ist, öffnet es einem auch im Balkan Türen. Ich dachte immer, ich muss zuerst in Kosovo gross werden und dann entdecken mich auch die Leute in anderen albanischsprachigen Ländern. Dabei musste ich zuerst in der Schweiz erfolgreich sein!

Sie sind kein Einzelfall?

Es gibt viele Sänger, die ihre Karriere in der Schweiz lanciert haben und jetzt hier grosse Stars sind. Die albanische Diaspora in der Schweiz hat grossen kulturellen Einfluss – fragen Sie mich aber nicht, warum.

1999 haben Sie das Lied «F*ck the Government» veröffentlicht. Setzen Sie mit Ihrer Musik ein politisches Statement?

Einige meiner Songs sind politisch aufgeladen. Aber das war während des Kriegs, damals war es normal, politisch aufgeladene Lieder zu singen. Als Albanerin, die inmitten von Kriegen geboren und aufgewachsen ist, wird man automatisch von der Politik beeinflusst. In meiner Karriere ging es vor allem darum, mich für die Rechte von Frauen und für die Rechte von LGBTQ-Personen einzusetzen. Ich habe die Musik genutzt, um meine Stimme zu erheben gegen Dinge, die meiner Meinung nach nicht in Ordnung sind. Die Musik ist einer der wichtigsten Aspekte im Leben der Albanerinnen und Albaner.

Wie hat der Krieg Sie geprägt?

Der Krieg ist für meine Generation Teil des Lebens, wir können ihm niemals entfliehen. Während des Kriegs habe ich keine Musik veröffentlicht. Es war eine traurige Zeit. In meiner frühen Karriere habe ich Freiheitslieder gesungen für Kosovo. Nach dem Krieg wollte ich den Leuten mit meinen Liedern vor allem Hoffnung geben – und zwar nicht nur den Leuten in Kosovo. Einige meiner Songs waren in Albanien fast erfolgreicher.

Nach dem Krieg entstand die albanische Diaspora in der Schweiz. Welche Rolle spielten Sängerinnen aus der Heimat wie Sie für diese Community?

Ich hoffe wirklich, dass ich einen Einfluss hatte auf die jungen Albanerinnen in der Diaspora. Heute sind sie gut integriert, vor allem in der Schweiz. Sie sind gut ausgebildet und sprechen mehrere Sprachen. Wenn sie zu meinen Konzerten kommen, tragen sie, was sie wollen, und tanzen ausgelassen. Vor 20 bis 30 Jahren war das noch nicht so: Damals wurden die albanischen Frauen unterdrückt – nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Kosovo. Vielleicht habe ich etwas bewirkt. Indem ich moderne Musik in ihre Ohren und eine moderne Frau in ihr Zuhause gebracht habe.

Sie sind immer freizügig aufgetreten, wollten sich aber nie objektifizieren lassen, wie Sie etwa in Ihrem Song «S’jam Sex Bombë» – auf Deutsch «Ich bin keine Sexbombe» – singen. Für Ihr Auftreten mussten Sie auch viel Kritik einstecken.

Ja. Sich gegen die patriarchale Gesellschaft aufzulehnen, hat viel Mut gekostet. Und die Kritik hat nie aufgehört. Das beunruhigt mich. Es gibt immer noch viele Leute – vor allem Männer –, die mich kritisieren für mein Aussehen und meine Persönlichkeit. In all den Jahren hat sich in meiner Welt also nicht viel verändert. Nun, einige Dinge sind besser geworden für die Frauen, aber nicht so, wie ich es gerne hätte.

Was müsste sich denn noch ändern?

Die Frauen in Kosovo sollten mehr in ihre Bildung investieren. Und in den letzten drei Jahren hat es in Kosovo viele Femizide gegeben. Das macht mir Sorgen. Und es ist vielleicht auch ein Grund, weshalb ich immer weitermache mit der Musik.